Inhalt:
(1) Die Praxis des Massenmords: Der Vernichtungskrieges der Wehrmacht in Serbien und den besetzen Gebieten der Sowjetunion. Die Vollstreckung der Endlösung durch Wehrmacht, SS, SD und Zivilverwaltung.
(2) Der Zusammenhang von Volksgemeinschaft und NS-Terror: Bevölkerung und Gestapo. Die Beteiligung der Deutschen am Massenmord. Terror und Öffentlichkeit.
Seminar: Antisemitismus. Nationalsozialismus
Luis Liendo Espinoza
„Geht es mit dem Antisemitismus zu Ende? Oder erlebt er ganz im Gegenteil einen neuen Aufschwung? Das ist die große Frage, die unlösbare“. Diese Sätze aus Alain Finkielkrauts Essay „Der eingebildete Jude“ haben heute nach mehr als zwanzig Jahren nichts an Aktualität eingebüßt. Die Dringlichkeit dieser Frage angesichts signifikant zunehmender antisemitischer Gewalttaten und Propaganda in Europa und den arabisch/islamischen Staaten wird in ihrer Tragweite kaum erkannt oder mit Lippenbekenntnissen abgetan. Antisemitismus gilt allgemein als überlebte Ideologie oder bloßes Vorurteil, als durchschautes historisches Relikt, das keiner weiteren Vertiefung mehr bedarf. Die Verständnislosigkeit und Indifferenz den aktuellen Manifestationen des Antisemitismus gegenüber ist jedoch selbst notwendige Konsequenz einer letztlich verharmlosenden und theoretisch inadäquaten Auseinandersetzung mit der Geschichte des Antisemitismus und seiner reinsten Verkörperung: der Nationalsozialistischen Volksgemeinschaft.
In der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung sind die Shoa und der Nationalsozialismus kein Gegendstand einer kritischen Auseinandersetzung. Entweder werden Shoa und Nationalsozialismus durch abstrakte, reduzierte und moralische Schlagwörter wie „Krieg“ und „Frieden“, „Hass“ und „Toleranz“, wahrgenommen oder - schlimmer – sie sind Objekt der zahlreichen revisionistischen, schuldabwehrenden Mythen, die, ungeachtet der offiziellen Bekundgebungen, unter der Bevölkerung kursieren und tief im alltäglichen, gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sind. Freilich, alle sind sich einig in der Ablehnung von Krieg, Gewalt und Intoleranz, doch die historische Katastrophe, welche der Nationalsozialismus hervorbrachte, lässt sich in dieser Sprache moralischer Phrasen auch nicht annähernd erfassen.
„Der Krieg“, schrecklich genug, war nicht das dringliche Problem der Millionen von Juden und Jüdinnen, die sich im Machtbereich des „Dritten Reiches“ befanden, umgekehrt lag das Unheil eher darin, dass die Deutschen gar nicht die Absicht hatten, einen herkömmlichen Krieg zu führen. Der Militärapparat war in den Händen der Deutschen kein Instrument einer rationalen Politik. Solch ein, im engstirnigsten Sinne, vernünftiges Verhältnis zu einem Machtapparat hätte vorrausgesetzt, einerseits sich der Grenzen, den Möglichkeiten und den eigentümlichen Gesetzen eines Krieges bewusst zu sein und - was viel schwerer wiegt - andererseits das Prinzip der Selbsterhaltung anzuerkennen. Im Gegensatz dazu wurde die deutsche Kriegsmaschinerie, genauso wie alle anderen Sektoren der Gesellschaft, Teil eines für sich allein genommen völlig wahnwitzigen und absurden Planes: Durch die Vernichtung des „Weltjudentums“ die Welt zu erobern und die gesellschaftliche Wirklichkeit wie sie wir kennen, in eine neue vermeintlich höhere Ordnung zu transformieren.
Hätten sich die Deutschen ein Mindestmaß an Rationalität bewahrt, so hätten sie in Zeiten des permanenten und akuten Arbeitskräftemangels Millionen jüdische Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene versklavt und ausgebeutet, um ihre Rüstungsproduktion zu erhöhen, - um den Krieg zu gewinnen. Sie hätten aus reinem Herrschaftskalkül der Bevölkerung in den eroberten Gebieten ein Minimum an Rechtssicherheit gewährt, um sie zu beherrschen und ihr Land auszubeuten, anstatt sie zu Tausenden zu massakrieren. Doch dieser Krieg wurde nicht geführt, um ein rationales militärisch-politisches Ziel zu erreichen, sondern um die „jüdische Weltpest“, den „Untermenschen“ zu vernichten und das charakteristische Merkmal des „II. Weltkrieges“ war nicht die Fortschreibung einer Geschichte machtpolitischer Konflikte, als der Bruch mit eben dieser Geschichte. Der wahre Krieg, den die Deutschen führten, war ein Vernichtungsfeldzug gegen Gefangene und ZivlistInnen, die vorsätzliche massenhafte Vernichtung unschuldiger Menschen. Als wären sie Sklaven oder wilde Tiere –- „Untermenschen“ – wurden Individuen zusammengetrieben, geschunden, versklavt, in Bunkern in Schichtwechsel vergast, auf Schiffen zu Tausenden versenkt, vor Gräben, die sie selbst ausheben mussten, erschossen, für aberwitzige und menschenverachtende Versuche geopfert oder „schlicht“ ohne Nahrung und Unterkunft im Freien von Stacheldraht und deutschen MGs in Schach gehalten dem russischen Winter überlassen. Weit über 10 Millionen Menschen wurden von Deutschen außerhalb der Kriegshandlungen auf diese oder andere Weise barbarisch zu Grunde gerichtet. Im Nationalsozialismus offenbarte sich eine gesellschaftliche Bewegung, die faktisch Gewalt an ihren Mitmenschen zu ihrem eigenen Ziel erhoben hatte.
Im Seminar „Nationalsozialismus. Antisemitismus“ soll dieser Tatbestand in das Zentrum der Analyse und Kritik gestellt werden. Es geht um das Verständnis der Shoa und des Massenmord als Produkt einer objektiven gesellschaftlichen Bewegung, die, weit davon entfernt allein die NS-Führung oder die SS zu betreffen, einen Zivilisationsbruch vollzog, dessen Reflexion ich als zentrale Vorrausetzung für eine kritische Auseinandersetzung erachte.
Luis Liendo Espinoza: Studium d. Soziologie an der Johannes Kepler Universität in Linz. Diplomarbeit: „Antisemitismus im Völkischen Beobachter 1932. Antisemitismus und sein Verhältnis zur NS-Ideologie“ (Febr. 2006). 2003 und 2004 Kursleiter eines 6-teiligen Seminars zum Thema Antisemitismus und Nationalsozialismus an der VHS Linz. Frühjahr 2008 6-teiliges Seminar „Karl Marx – Einführung in die materialistische Gesellschaftstheorie“ an der VHS Linz.