Kritik des traditionellen Antifaschismus

Wie der Tag gegen Faschismus und Antisemitismus “antifaschistisch” entsorgt wird

In einigen Wochen jährt sich die so genannte Reichspogromnacht nun zum 69. Mal. Der 9. November 1938 markierte den Höhepunkt eines durch antisemitische Aktionen geprägten Jahres in Österreich, oder der Ostmark wie es ab März 1938 hieß. Beim Raub an ihren jüdischen Nachbarn waren die österreichischen VolksgenossInnen dann auch so übereifrig, das die NSDAP diese wilden Arisierungen zu stoppen genötigt war, um diese dann in “geregelte” Bahnen zu lenken.
Doch am 9. November war es wieder so weit, als nationalsozialistische Entsprechung der Spontaneität der Massen, wurde als Antwort auf die Ermordung eines deutschen Diplomaten in Paris, vom Propagandaministerium der Startschuss für die Pogrome gegeben. Der antisemitische Mob, der davor einige Monate zur Ruhe angehalten wurde, konnte nun ungehemmt losschlagen. Alleine in Wien wurden dabei 27 Juden und Jüdinnen getötet und 88 schwer verletzt. In Innsbruck wurden 4 Juden und Jüdinnen Opfer des spontanen Mobs. 6.547 Juden und Jüdinnen wurden an diesem Tag allein in Wien verhaftet, davon wurden 4.000 ins Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Unter dem nicht sehr originellen Motto - “Kein Vergeben, kein Vergessen!” ist für den 9. November 2007 in Innsbruck eine antifaschistische Demonstration von Seiten der ortsansässigen Antifa geplant. Anstatt nun aber am 9. November, dem Jahrestag der antisemitischen Pogromnacht 1938, den heute grassierenden Antisemitismus zum Thema zu machen, begnügen sich die Innsbrucker Antifas damit in ihrem Aufruf eine Chronologie der Neonaziaktivitäten in Innsbruck wiederzugeben.

“Seit dem Sommer 2005 vernehmen wir in Innsbruck, im Gegensatz zur örtlichen, anscheinend höchst uninformierten Polizei, ein ständiges Wachsen der rechtsextremen Szene.”

Dieser Beobachtung ist zuzustimmen, nach Jahren relativer Inaktivität der Neonazi Szene, tritt sie in Innsbruck wieder sichtbar auf. Für Linke, alternative Jugendliche, Punks oder MigrantInnen können diese Neonazistischen Jugendbanden, durchaus gefährlich werden - gesellschaftliche Relevanz haben sie im Moment aber keine. Hier ist immer noch Adorno zuzustimmen wenn er schrieb, dass er das Fortleben des Nationalsozialismus in der Demokratie für gefährlicher erachte als den Faschismus welcher sich gegen die Demokratie richtet. Aus diesem Grund sind rechtsextreme Parteien wie FPÖ oder BZÖ um einiges gefährlicher als diese NS Jugendgangs.

Ein Antifaschismus der sich alleine auf die Bekämpfung von Neonazis beschränkt, ist immer auch versucht die Gesellschaft der diese entspringen zu entlasten, dass ist ein weiteres Problem des Aufrufs. Auch wenn im Text darauf teilweise eingegangen wird:

“Wenigstens blitzt hier ein gut-bürgerlicher Antifaschismus durch, der zwar von rechten Tendenzen innerhalb der Gesellschaft nix wissen will, aber immerhin wird nicht mehr so getan, als ob alles in Ordnung wäre.”

Die eigentlich gute, postfaschistische Gesellschaft, so suggeriert zumindest der Text, ist in Gefahr von rechten Tendenzen beeinflusst zu werden. Entschuldung der österreichischen Gesellschaft auf antifaschistisch.

Antifaschismus als Selbstschutz

Dass Antifaschismus nichts revolutionäres ist, sollte sich langsam herum gesprochen haben. In Gegenden in denen es nötig ist, sich gegen Neonazis zu schützen, weil sie entweder offensiv und massenhaft auftreten und/oder die Polizei nichts gegen sie unternimmt, ist Antifaschismus pragmatischer Selbstschutz, aber auch nicht mehr. Sollte die Polizei aber gegen Neonazis vorgehen, was in Österreich mit unter auch passiert, kann man ihr diesen “K(r)ampf” guten Gewissens überlassen.
Ganz abgesehen davon, dass wer sich heute mit Antifaschismus beschäftigt, ein wenig mehr zum Nationalsozialismus und Antisemitismus zu sagen haben sollte, als eine Liste von Neonazi Aktivitäten in Innsbruck vorzulegen. Eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und vor allem dem Antisemitismus wäre hier einzufordern. Dass dann im Text der Antifa Innsbruck weder auf die 9. November Pogromnacht eingegangen wurde, noch auf den aktuellen Antisemitismus, noch auf Antisemitismus überhaupt, der sich heute als Antizionismus oder für die vornehmeren als Israel”Kritik” äußert, ist symptomatisch.

Antifaschismus ist Israelsolidarisch oder er wird keiner sein

Angesichts einer iranischen Atombombe in der Hand von antisemitischen Apokalyptikern, die Israel nicht anerkennen, und Konferenzen unter dem Titel “a world without zionism” veranstalten, nehmen sich die Aktivitäten von Neonazigangs in Innsbruck gerade zu lapidar aus.

Die atomare Gefahr die vom Iran ausgeht, wird in der Linken meist mit dem Hinweis auf das Atomwaffenarsenal Israels und dessen Zweitschlagkapazität relativiert, oder es wird auf die friedliche Nutzung hingewiesen, die der Iran vorgibt zu verfolgen.
In wie weit nun ein möglicher israelischer Vergeltungsschlag überhaupt eine abschreckende Wirkung hätte, wenn das gegenüber ein paar Millionen tote IranerInnen in Kauf nimmt um Palästina von den Zionisten zu befreien, muss stark bezweifelt werden. Und ob nicht gerade die Auslöschung Israels die friedliche Nutzung der Atomenergie von Seiten der Teheraner Umma Sozialisten zum Ziel hat, sollte zumindest angedacht werden.
Österreich (mit seinem 22 Mrd Euro Deal) und Deutschland stehen an vorderster Appeasement Front um Sanktionen gegen den Iran zu verhindern. Dies wäre aber wohl noch die letzte realistische nicht militärische Möglichkeit das iranische Atomprogramm zu stoppen.
Die postfaschistischen Staaten Österreich und Deutschland können bei ihrer Politik gegenüber dem Iran aber auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens bauen, der von den Iran Fahnen schwingenden Neonazis über die gesellschaftliche Mitte bis zu den gleichgültigen oder gar Iran solidarischen Linken reicht.

Kursiver text aus: “Barrikaden gegen braune Brüder über die Umtriebe der rechtsextremen Szene”, in: “Grauzone INFO - Oktober/November”, Innsbruck 2007.

5 Responses to “Kritik des traditionellen Antifaschismus”


  1. 1 oe

    danke für diesen versuch einer kritik, aber der text ist erstens nicht der aufruf-text für die demo, zweitens nicht von der antifa innsbruck, sondern von uns (der grauzone!) und drittens nur das, was er ist: eine auflistung der aktivitäten der rechtsextremen szene; er soll *keine* analyse sein, aber das kapiert ja eh jedeR - außer ihr. ;-)

    ich empfehle euch außerdem, auch den letzten satz zu lesen (die frage nach der klassengesellschaft, der eben eine kritische analyse an dieser fordert bzw. ein kleiner hinweis darauf ist, dass das, was ihr mit “traditionellem antifaschismus” meint, - wie ihr schlauen füchse ganz richtig formuliert - nicht revolutionär ist. solidarität mit der israelischen regierung ist übrigens auch nicht revolutionär, aber um eine revolution geht´s euch doch gar nicht, wie eurer unkritischen adorno apologetik zu entnehmen ist. ;-)

  2. 2 oe

    ah, sorry, hatte ich vergessen:

    die demo ist übrigens auf 24.11. verschoben worden.

    und noch was: der *wirkliche* aufruftext, der gerade im entstehen ist und von dem ihr noch gar nix wisst, geht auf kontinuitäten wie antisemitismus, auf die rechte parteienpropaganda und natürlich auf die pogromnacht ´38 ein. zB. war als titel geplant:

    “im gedenken an die reichtspogromnacht 1938″
    “rechtsextremismus und rassimus bekämpfen!”

  3. 3 ilja

    1. zum text: aus ihm wird das aber nicht klar, das es kein aufruf sein soll, vor allem wenn er dann mit einem aufruf zur demo schließt. genau so ist es mit den autorinnen, im text wurde als möglicher hinweis ja nur die email adresse von der antifa innsbruck angegeben.

    2. klassengesellschaft: der kapitalismus ist eine klassengesellschaft da sind wir uns wohl einig - aber was heißt das jetzt? wo ist der zusammenhang zwischen kapitalistischer gesellschaft und rassismus, antisemitismus und sexismus? ich würde darauf antworten, dass es basisideologien einer warenproduzierenden gesellschaft sind.
    aber der flapsige hinweis auf eine klassengesellschaft ist dann nichts wert, wenn diese zwar objektiv besteht, aber für die arbeitskraftverkäuferinnen das klassenbewusstsein keine rolle mehr spielt. nationalismus dagegen stellt sehr wohl ein bezugspunkt des bewusstseins dar - und das ist schon wieder ein dillemma.
    gerade im kapital von marx wird ja dargestellt, wie schwer es mitunter sein kann die klassengesellschaft zu durchschauen.

    auf der anderen seite stehen nach der negativen aufhebung der klassengesellschaft im nationalsozialismus, die zeichen noch viel schlechter, um die kapitalistischen fetischformen zu durchschauen.

    3. antifaschismus ist nicht revolutionär, und antifaschismus ist entweder solidarisch mit israel, und das heißt mit dem staat und dem idf unabhängig von seiner regierung, oder es hat den namen antifaschismus nicht verdient.
    deine kritik läuft also ins leere, dass israelsolidarität revolutionär sein soll, wurde im text gar nicht behauptet, im zusammenhang mit dem antifaschismus wurde ja gerade die selbstschutzfunktion heraus gestrichen.
    wobei wenn man mit marx argumentiert, bei dem der menschlichen emanzipation die politische also die bürgerliche voraus geht, und dies für juden und jüdinnen durch den antisemitismus in europa nicht möglich war, stellt israel die politische emanzipationsgewalt der juden und jüdinnen dar.

    4. noch eine frage am schluss; ist jetzt schon der bezug auf adorno apologetisch (worauf den überhaupt?), oder beziehen wir uns zu unkritisch auf adorno?

  4. 4 ..ein anderer

    …problematisch, problematisch, ich will hier nicht tiefergehend auf die oben formulierte Kritik (am Aufruf bzw. dem Text) eingehen. Aber oberflächlich möchte ich sie absolut zurückweisen, weil ich sie nicht als solidarisch oder positiv lese, sondern nur um der Kritik willens. ES gibt Strukturen in Innsbruck, die brauchen mehr Unterstützung als einen blog, der auf “mehr oder wenger” gute Texte reagiert. Eine solidarische Kritik wäre doch, mal irgendwo vor Ort zu sein und sich nicht hinter einer Theoriefasade zu verstecken.

    In diesem Sinn bringt euch doch mal im konkreten ein, schaut dort vorbei wo zwischen Augen diskutiert wird und nich zwischen Bildschirmen. Werdet praktischer, seid mal anwesend, anstatt sich in theoretischen Hirnwindungen zu verlieren…

  1. 1 innsbrooklyn.blogr.com - stories - 92145

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