Eines vorweg: Ja, wir kennen ihre Argumente, sie haben mit all dem nichts am Hut. Sie wissen auch gar nicht warum sie, obwohl sie auch historisch mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben, immer wieder darauf angesprochen werden. Es soll da doch endlich mal ein Schlussstrich gezogen werden, vor allem, weil sich Österreich und Vorarlberg im Speziellen ja nie was zu Schulden kommen ließ. Kritisiert werden sollten lieber die Anderen, die ja heute fast die selben Kriegsverbrechen begehen wie die Nazis, gemeint sind natürlich die USA (als Befreier von den Nazis) und Israel (als Opfer der Nazis). Diese Art der Argumentation ist natürlich nichts, was nur in der Region vom Bodensee bis zum Arlberg anzutreffen wäre. Schuldabwehr und nichts anderes ist das oben beschriebene, gibt es in allen postnationalsozialistischen Gesellschaften. Diese Argumentation legt aber den Verdacht nahe die Bevölkerung hätte sich in Österreich in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai 1945 verdoppelt. Gab es am 7. Mai 1945 noch gut 7 Millionen anständige Nazis, waren am 8. Mai 1945 aus dem nichts 7 Millionen Antifaschisten und Antifaschistinnen aufgetaucht.
Heute wo es in Städten wie Feldkirch oder Dornbirn eine massive Neonazi Präsenz gibt, wird größtenteils weggesehen. Pikanterweise waren Feldkirch und Dornbirn schon in den 1930er Jahren Nazihochburgen. Und ja, jetzt hätten sie mal die Möglichkeit zu beweisen, dass sie mit alle dem nichts zu tun haben. Aber wahrscheinlich haben wir doch Recht und ihr immer wieder vorgetragenes “ich hab doch damit nix zu tun” ist kein Ausdruck von Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, sondern dient ausschließlich der eigenen Schuldabwehr.
Aber, vor allem, warum sollten gerade sie nichts mit Nationalsozialismus und Neonazismus zu tun haben? Wurden die zwei Neonazis, die im Herbst einen 19 jährigen Lindauer ins Koma traten, und ihm dadurch lebenslange Schädigungen zufügten nicht in der gleichen Vorarlberger Gesellschaft sozialisiert wie sie? Und dieses Beispiel ist beileibe nicht das einzige von Neonazigewalt in Vorarlberg, wenn aber auch ganz klar das brutalste. Gewalt von Neonazis ist in Vorarlberg etwas, was ohne Übertreibung fast jedes Wochenende beobachtet werden kann.
Die Frage ist nun, wie muss eine Gesellschaft (die Vorarlberger) ticken, die sogar im österreichischen Durchschnitt übermäßig viele Neonazis hervorbringt.
Auffallend ist die weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber neonazistischen Gewaltakten, ist der/die VorarlbergerIn nicht mal selbst davon betroffen, scheint es nicht wirklich zu interessieren. Doch Gleichgültigkeit heißt immer mehr, als nichts zu tun, es ist die Auslieferung des Opfers an den Täter. Es ist, pointiert ausgedrückt, nichts anderes als Parteilichkeit mit dem Täter. Aktuell zeigt sich das zum Beispiel auch wieder, wenn 56% der ÖsterreicherInnen die neonazistischen Wehrsportübungen des FPÖ-Vorsitzenden als “Jugendsünde” abtun. Gleichgültigkeit herrscht vor, aber eben nicht nur das. Neonazis werden auch aus dem Grund
nicht wirklich beachtet weil, wenn sie grad mal keine Springerstiefel und Bomberjacke anhaben, sich auch nicht sonderlich vom Rest der Vorarlberger Gesellschaft unterscheiden. In einer Zeit in der Neonazis ohnehin Abschied von diesem Skinhead Style nehmen, kein so abwegiger Gedanke. Werte wie Ordnung, Fleiß, Disziplin und Stolz auf die Heimat gelten auch dem Durchschnitts- Vorarlberger als erstrebenswert. Diese Gemeinsamkeit der Werte ergibt dann meist auch die gleichen Feindbilder, “Ausländer”, Punks, Linke, Schwule und Lesben oder emanzipierte Frauen.
Wobei es wohl die größte Übereinstimmung beim Rassismus vorzugsweise gegen Türken gibt. Dies ist so krankhaft, dass kein Gespräch zwischen VorarlbergerInnen ohne diesen Rassismus auskommt. Zwar würde man im Gegensatz zu Neonazis nie selbst Hand anlegen, doch wie schon gesagt, nicht im Inhalt, also der Ausländerfeindlichkeit, unterscheidet sich der Durchschnitts Vorarlberger vom Neonazi, sondern in der Form der Ausführung.
Doch auch der Antisemitismus hat in Vorarlberg das Ende des Nationalsozialismus gut überstanden, zwar nicht so offen wie noch vor 1945 aber in modifizierter Weise. Zum einen richtet sich der Antisemitismus in neuem Gewand in einer globalen Reproduktion auf Israel, zum anderen sind antisemitische Codes weit verbreitet. Angefangen bei den Trinkritualen, die zu verstehen geben das es sich hier um einen Judenfreien Tisch handle, über die Bezeichnung eines zu teuren Geschäftes oder einer unsauberen Stelle in der Wand als “Jud” bis zu den allseits bekannten Knallkörpern “Judenfürze”.
Im Selbstbild der Neonazis sind sie selbst der Exekutor eines Volkswillens, der von der Mehrheit vertreten wird, und so falsch ist diese Sichtweise ja leider auch nicht. Das Neonazi-Problem ist eben keinesfalls ein Jugendproblem, es ist ein gesellschaftliches Problem. Zu beheben wäre es nur mittels einer radikalen antinationalen Selbstreflektion dieser Gesellschaft über ihre Vorurteile und Ressentiments vor allem über ihren weit verbreiteten Antisemitismus und Rassismus. Dies würde dann sowohl dem Neonazismus die Quelle abdrehen, als auch eine nationalsozialistische Option im anderen Gewand verunmöglichen.

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