Fetischismus
(…)nichts so erscheint, wie es ist und doch alles so ist, wie es erscheint (…) (Martin Janz 2000, S. 48)
Der Fetisch verweist auf die Denkweisen, die auf Wahrnehmungen und Erkenntnissen basieren, die in den Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Verhältnisse befangen bleiben.
Anders als im alltagssprachlichen Gebrauch ist mit Fetischismus oder Warenfetischismus nicht gemeint, dass die Menschen den Konsum zu wichtig nehmen würden, oder bestimmte Markenklamotten als Statussymbole ansehen.
Im Traditionsmarxismus auf der anderen Seite, wird, sofern Warenfetischismus überhaupt besprochen wird, er alleine damit charakterisiert, dass die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen als Beziehungen von Dingen erscheinen (die Beziehung der Tauschenden erscheinen als Wertbeziehungen der ausgetauschten Produkte), so dass aus gesellschaftlichen Beziehungen scheinbar sachliche Eigenschaften werden. (Michael Heinrich 2005, S. 69)
In dieser Traditionsmarxistischen Sichtweise ist der Fetischismus „nur“ ein falsches Bewusstsein, eine Ideologie der herrschenden Klasse, die die wirklichen Verhältnisse, dass also hinter den Beziehungen von Dingen die Beziehungen von Menschen stehen, verschleiert. Damit wäre dem Warenfetisch auch mit der Aufklärung über diese Verhältnisse beizukommen. Diese Reduzierung des marxschen Fetisch Begriffs auf ein falsches Bewusstsein hat zum einen dazu geführt, dass die wichtigsten Pointen der Marxschen Untersuchung verloren gingen (Unterscheidung zwischen: Wesen und Erscheinung der kapitalistischen Gesellschaft), zum anderen dazu, dass traditionsmarxistische Analysen meist selbst noch in fetischisierten Sichtweise befangen blieben. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 69)
Marx selbst schreibt im Kapital: Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theolgischer Mucken. (MEW 23, S. 85) Vertrackt und Spizfindig ist die Ware erst in Folge ihrer Analyse. Für die alltägliche Anschauung, hat zb. ein Bett einen gewissen Gebrauchswert (darin Schlafen zu können), und als Ware auf dem Markt einen gewissen Wert. Das wird keiner Bestreiten wollen, und auch das der Wert einer Ware von der verausgabten Arbeitszeit abhängen soll, kann richtig gefunden oder bestritten werden. Die Vertracktheit wird also erst in der Analyse der Ware ersichtlich: Sie zeigte, dass die Wertgegenständlichkeit der Ware gar nicht an ihr selbst zu fassen ist (insofern ist sie „übersinnlich“, nämlich „gespenstige Gegenständlichkeit“), sondern nur an einer anderen Ware, die ihrerseits als unmittelbare Verkörperung von Wert gilt. (Michael Heinrich 2005, S. 70)
Auf die Frage woher den die Vertracktheit des Arbeitsproduktes entspringt antwortet Marx: Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaft der Produkte zurückspiegelt. (MEW 23, S. 86) In jeder arbeitsteiligen Gesellschaft mit Warenproduktion sind es nicht Menschen, die zueinander in Beziehung stehen, sondern die Waren. Daher erscheinen den Menschen ihre gesellschaftlichen Beziehungen als „gesellschaftliche Natureigenschaft der Produkte“. Das kann am besten an der Kategorie Wert erklärt werden. Es ist den meisten Menschen zwar bewusst das „Wert“ keine Natureigenschaft der Dinge ist wie Gewicht, Größe oder Farbe, aber in kapitalistischen Gesellschaften erscheint es so, als ob Dinge automatisch „Wert“ besitzen würden. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 71) Dies nennt Marx dann den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist. (MEW 23, S. 87)
Da der Fetischismus den Waren tatsächlich „anklebt“ handelt es sich auch um mehr als falsches Bewußtsein. Den zum einen Beziehen sich die Menschen in einer kapitalistischen Gesellschaft, ja wirklich im Austausch von Arbeitsprodukten aufeinander. Den letzteren [den Austauschenden] erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das was sie sind, d.h. Nicht unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen. (MEW 23, S. 87) Zum anderen ist es daher auch nicht falsch zu behaupten, dass Waren unter kapitalistischen Verhältnissen, wirklich gesellschaftliche Eigenschaften haben. Was nun aber falsch ist, ist zu glauben, diese Eigenschaften, hätten Arbeitsprodukte automatisch in jedem gesellschaftlichen Zusammenhang. Der Fetischismus besteht also nicht darin das Arbeitsprodukte als Wertgegenstände angesehen werden – diese Wertgegenständlichkeit haben sie unter kapitalistischen Verhältnissen ja wirklich, sondern darin das die Wertgegenständlichkeit als eine von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unabhängige Naturnotwenigkeit gesehen wird. (vgl. Michael Heinrich 2005, S.72)
Doch der Fetischismus der bewußtlos produziert (sie wissen das nicht, aber sie tun es [MEW 23, S. 88])wird, ist wie oben schon dargestellt eben keinesfalls, flasches Bewußtsein, sondern hat auch eine reale materielle Seite. Ob nämlich die verausgabte Arbeit des einzelnen als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt wird, kann eben erst durch den Wert der Ware im Tausch gesagt werden. Verkauft sich die Ware auf dem Markt nicht, war die verausgabte Arbeit auch nichts Wert. Die letzteren [die Warenwerte] wechseln beständig, unabhängig vom Willen, Vorwissen und Tun der Austauschenden. Ihre eigene gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren. (MEW 23, S. 89) Aus diesem Grund stehen in kapitalistischen Verhältnissen die Menschen, ob diese nun Kapitalistinnen oder Arbeiterinnen sind unter dem Diktat des Werts und der Sachen. Die Herrschaftsverhältnisse sind daher auch keine personellen (wie in Sklavenhalter Gesellschaften oder dem Feudalismus) mehr, sondern sachliche. Diese sachliche Herrschaft, und hier sind wir wieder beim Fetisch, exisitiert aber nicht weil den Arbeitsprodukten gesellschaftliche Eigenschaften die diese sachliche Herrschaft hervorbringen, von Natur aus ankleben. Sondern, weil sich die Menschen in einer besonderen Weise auf diese Sachen beziehen – nämlich als Waren. Dass sich diese sachliche Herrschaft und die Vergegenständlichung gesellschaftlicher Beziehungen zu sachlichen Eigenschaften einem bestimmten Verhalten der Menschen verdanken, ist für das Alltagsbewusstsein nicht sichtbar. (Michael Heinrich 2005, S. 73)



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