Erklärt kann nicht mehr der Antisemitismus, sondern nur mehr die Gesellschaft, der er strukturell innewohnt.
Stephan Grigat
Der Nationalsozialismus war die größte antikapitalistische Bewegung, die jemals zur Rettung des Kapitals mobilisiert worden ist; der von ihr geschaffene Staat stellt die Vollendung des Antisemitismus dar: fetischistische Aufhebung des Kapitals auf der Grundlage des Kapitals.
Gerhard Scheit
Einleitung
Die Denkform des Antisemitismus bleibt unbegreiflich, daher hat dieser Text auch den Anspruch nur Erklärungsversuch sein zu wollen. Beruhigen ist es für viele Linke, Liberale und Konservative wenn sie den Antisemitismus und seine Konsequenz den Holocaust für sich schlüssig Erklären können. Doch in einer Zeit des global grassierenden Antisemitismus, will der Text alles andere, nur nicht beruhigen.
Der Text stützt sich auf zwei ineinander Greifende Annahmen: Quelle der antisemitischen Denkform bildet der Fetischismus, der von der bürgerlichen Gesellschaft hervorgebracht wird und die Personalisierung des Kapitalverhältnisses, die beide im Text als erstes kurz erklärt werden. Dennoch gilt für den Antisemitismus auch wenn der Text manchmal nicht so erscheint: „Nicht dieses Unbegreifliche ist zu begreifen, aber dessen Unbegreiflichkeit.“ (Gerhard Scheit 2004)
Antisemitismus und Fetischismus
Bei Horkheimer und Adorno wird der Antisemitismus als Fetischismus betrachtet. Der in der unbegriffenen Verdinglichung sozialer Zusammenhänge ihre Grundlage hat, und aufgrund der Beschaffenheit der bürgerlichen Gesellschaft Eingang in das Denken der Menschen findet, und dadurch Real in der Gesellschaft Wirkungsmächtig wird. Analog zum Warenfetischismus bekommt auch der Antisemitismus durch seine (antisemitische) Praxis, erst gesellschaftliche Realität die von der Gesellschaft dann immerwährend reproduziert wird. Ein Extrembeispiel dabei ist wohl, dass das absurde Konzept einer jüdischen „Gegenrasse“ im Nationalsozialismus, durch deren Praxis und die gesellschaftliche Reproduktion der antisemitischen Ideen, reale Wirksamkeit bekam. (Stephan Grigat 1999) Um vorerst nicht weiter unnötig zu verwirren soll nun zuerst der Begriff des (Waren) Fetischismus geklärt werden.
Personalisierung und Antisemitismus
Die folgenschwerste und bösartigste Form der Personalisierung, ist der Antisemitismus. Den Juden und Jüdinnen, wird seit dem Aufkommen der Rassentheorien im 19 Jahrhundert, Gewinnsucht, Orientierung an Geld, unbedingtes Machtstreben bis hin zur Weltherrschaft auf Grund ihrer „Rasse“ zugeschrieben. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 188)
Geschichte des Antijudaismus und Antisemitismus
Es gab auch davor schon Judenhass und Judenverfolgung, dieser war aber im Gegensatz zum Antisemitismus religiös motiviert, und kann als christlicher Antijudaismus bezeichnet werden.
Juden und Jüdinnen wurden von Christen immer wieder wegen ihrem angeblichen Gottesmord an Jesus angefeindet und verfolgt. Die Vorstellung der Christen, Juden hätten Jesus, also Gott getötet, speiste vor allem die christliche Wahnvorstellung von der jüdischen Allmacht. Denn wer Gott töten kann, kann auch Revolutionen auslösen, die Pest loslassen oder die Welt beherrschen. Diese Wahnvorstellung, der jüdischer Übermacht, fand auch Eingang in das „Denken“ des modernen Antisemitismus, und radikalisierte sich dort sogar noch.
Mit den ersten Kreuzzügen, aktualisierte sich die Gottesmordlegende, und es herrschte die Meinung vor die „Gottesmörder“ sollten gleich auch mit den „Muslemanen“ erschlagen werden. Was auch passierte und die Kreuzzüge waren von Progrommwellen gegen Juden und Jüdinnen in ganz Europa begleitet. Schon zu dieser Zeit wurden Juden und Jüdinnen mit Geldgeschäften, also mit dem „abstrakten“ in Verbindung gebracht. Der Geistige Führer des Zweiten Kreuzzuges ersetzte in seinen Predigten, Geldverleihen gegen Zinsen mit dem Wort Judaisieren. Auch dieser zweite Kreuzzug war wie oben schon beschrieben auch einer gegen die Juden. (vgl. Thomas Schmidinger 2002)
In dieselbe Zeit fiel auch das verschärfte Zinsverbot für Christen (III. Laterankonzil 1179) und das Berufsverbot für Juden und Jüdinnen (IV. Laterankonzil 1215) das Handel und Geldverleih als einzige Erwerbsquelle für sie übrig lies. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 188-189)
Antijudaismus, Antisemitismus: Juden = Geld
Juden und Jüdinnen waren deswegen aber nicht die einzigen die im Mittelalter und der frühen Neuzeit im Handel tätig waren oder Geld verliehen. Sie waren aber aufgrund der Tatsache das sie nicht an christlichen Festen teilnahmen, aufgrund erzwungener Kleiderordnung und dem Wohnen in Ghettos klar als „Fremde“ Gruppe zu erkennen. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 189) Ullrich Enderwitz konkretisierte diese Gedanken in seinem Buch „Antisemitismus und Volksstaat“ noch weiter: „Wer könnte in den dumpf bodenständigen, lokal beschränkten und aus schierem Mangel an überregionalen Strukturen homogenen Ackerbaugesellschaften der damaligen Zeit solche Unvermitteltheit und Kontingenz besser verkörpern als die Juden mit ihrer Uneingesessenheit, Fremdbürtigkeit und Versprengtheit und ihrer im damals zentralen Punkte der religiösen Denomination und Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, ausgemachten Andersartigkeit und entschieden abweichenden Bestimmungen? Für eine Konfrontation, die jenes ökonomische Prinzip privater Wertbildung, das politisch angegriffen werden soll, erst einmal aus der Schusslinie möglicher Vergeltungsmaßnahmen herausbugsiert und als eine mit keiner Gegenwehr drohende, weil aus aller Beziehung zu den gesellschaftlichen Machtzentren herausgelöst, isolierte Zielscheibe aufgestellt, - für eine solche Konfrontation sind die Juden der Ideale Adressat und Gegner.“ (Ullrich Enderwitz 1998, S. 40) Die Juden und Jüdinnen wurden aus den oben genannten Gründen mit der zerstörerischen Macht des Geldes und des Zinses, die den Menschen rätselhaft blieb, identifizierte. Das viel eben umso leichter, weil sie eine als „homogene“, vom christlichen Leben ausgeschlossene Gruppe leicht erkennbar waren und es den bäuerlichen Volksmassen, erlaubte, zu Rebellieren, dabei aber die Gottgegebene Untertanenpflicht nicht verletzten. Stephan Grigat führt dabei zusätzlich noch an, dass sowohl die gesteigerte Sichtbarkeit als auch die Beschränkung auf die Zirkulationsphäre selbst schon Produkte des gesellschaftlichen Antisemitismus waren. (vgl. Stephan Grigat 1999)
Juden und Jüdinnen waren daher auch immer wieder Ziel von Hass und tödlichen Progrommen, der sich oft mit Billigung von Kirche, Fürsten oder städtischer Oberschicht gegen sie entlud. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 189)
Übergang vom Antijudaismus zum Antisemitismus
Für den Antisemitismus spielten religiöse Motive nicht mehr diese wichtige Rolle wie für den christlichen Antijudaismus. Nicht mehr ihre „falsche“ Religion wurde den Juden und Jüdinnen von Seiten der Antisemiten vorgeworfen, sondern ihre angebliche Gewinnsucht, die Macht nicht Arbeiten zu müssen, weil sie schon von der Arbeit anderer lebten. So nimmt der Vorwurf gegen die Juden und Jüdinnen, folgt mensch der Argumentation von Andrea Woeldike, seit Anfang des 19. Jahrhunderts neue Gestalt an, sie werden nicht mehr „nur“ mit dem Realabstrakten des Kapitalverhältnisses gleichgesetzt und daher als eine „ökonomische Macht“ angesehen. Nein, die Juden und Jüdinnen werden mit dem Kapitalismus im Allgemeinen identifiziert, und sie erscheinen daher für den/die Antisemitinnen als die wahren politischen Herrscher des Kapitalismus. (Andrea Woeldike 2001, S. 67)
Da Geld und Kapitalverwertung, mit den Juden und Jüdinnen identifiziert werden und im Kapitalismus anders als im Feudalismus eine für die Produktionsweise konstitutiven Charakter aufweisen, unterscheidet sich Antisemitismus auch von anderen Formen von Diskriminierungen und Vorurteilen. Zwar werden und wurden Gruppen die diskriminiert werden, bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, zb eine besondere Verschlagenheit oder sexuelle Macht. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 190) Aber nur im modernen Antisemitismus werden zentrale Konstitutionsprinzipien der eigenen Gesellschaft „nach außen“ auf eine „fremde“ Gruppe projiziert.“ (Michael Heinrich 2005, S. 190) Auch Ulrich Enderwitz sieht darin einen der großen Unterschiede zwischen Antijudaismus und Antisemitismus. Laut Enderwitz sei es eine markante Prägung des Antisemitismus europäischer Tradition, dass er immer schon eine ökonomische Bedeutung hatte. Nicht mehr der religiöse Unterschied zwischen Christen und Juden, musste als Rechtfertigung für den Judenhass der Christen herhalten, nun waren es die neuen ökonomischen Verhältnisse und deren Folgen wie, Verstädterung, Auflösung der Zünfte, Zerstörung traditioneller Klassen, Bildung von Bürgertum und Arbeiterinnenklasse, die den Juden und Jüdinnen angelastet wurde. (vgl. Ulrich Enderwitz 1998, S. 8-9) Stephan Grigat führt in seinem Aufsatz „Antisemitismus und Fetischismus“ noch an: dass sich der moderne Antisemitismus vollends von der realen Gestalt von Jüdinnen und Juden abgelöst hat. Er kommt ohne sie aus. Worauf sich der Antisemitismus bezieht, ist das antisemitische Bild von ihnen, das sich aus sich selbst erklärt.“ (Stephan Grigat 1999)
Also alles das was die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft ausmacht, Kapitalverwertung, Profitmaximierung usw, aber auch Intellektualität oder Mobilität wird den Juden und Jüdinnen von Antisemitinnen zugeschrieben, und als dekadent abgelehnt. In Deutschland hatte dieser Antisemitismus aber zusätzlich einen Nation- und Volksbildenden Charakter. Da keiner so Genau sagen konnte was den wirklich Deutsch sei, wurde Deutsch sein darüber definiert kein Franzose oder Jude zu sein. „Als man dazu überging, den Juden all das zuzuschreiben, was an Modernisierung in jenen Jahren die Gesellschaft verunsicherte, bekam dieser zunächst nur rückschauende Auslegung eine aktuelle Brisanz. Indem man die negativen Erscheinungsformen des kapitalistischen Systems mit den Juden identifizierte und diese in einen Gegensatz zum deutschen Volk rückte, konnte man eine eigene deutsche Identität entwerfen, die mit all den Hässlichkeiten der Moderne nichts zu schaffen hatte, ohne das aber ausdrücklich zu Worte bringen zu müssen und dabei des Widerspruchs überführt werden zu können. (Lutz Hoffman 2001, S. 43) Juden und Jüdinnen werden in dieser „Analyse“ als die wahren Kapitalistinnen gesehen, weil dies eben ihrem „Undeutschen“ Wesen entsprach, deutsche hingegen lehnten schon aufgrund ihres Wesens, Gewinnstreben ab.
NS und Antisemitismus
Doch für Antisemiten und Antisemitinnen standen die Juden und Jüdinnen eben nicht nur hinter dem Kapitalismus, sondern Weltverschwörerisch auch hinter dem Kommunismus der Sozialdemokratie und der Arbeiterinnenbewegung. Wie das zusammengeht versuchte Moishe Postone in seinem 1979 erschienen Aufsatz „Nationalsozialismus und Antisemitismus“ zu erörtern. Anders als noch Horkheimer und Adorno beschreibt er in seiner Darstellung, warum Juden und Jüdinnen nicht nur mit Geld und der Zirkulationsphäre identifiziert wurden, sondern mit Kapitalismus in seiner Gesamtheit. Daher wurde ihnen auch zugeschrieben hinter der Entstehung sowohl einer Kapitalistenklasse als auch einer Arbeiterinnenklasse zu stehen. Juden und Jüdinnen werden nach Postone, für Krisen und gesellschaftliche Umbrüche und die rasche Industrialisierung verantwortlich gemacht. Was die oben schon genannten Folgen wie, die Entstehung eines Proletariats, dass sich in Gewerkschaften organisierte, zunehmende Verstädterung oder den Untergang bis dahin traditioneller Klassen und sozialer Schichten mit sich brachte. Der Nationalsozialismus sah sich daher auch in einem Abwehrkampf gegen jüdisch-amerikanischen Kapitalismus im Westen und jüdisch-bolschewistischen Kommunismus im Osten.
Die moderne kapitalistische Herrschaft des abstrakten Kapitals, schleuderte die Menschen aus ihren traditionell gewohnten sozialen zusammenhängen, und wurde von Antisemitinnen in ihrer fetischisiert-antisemitischen Analyse, als „Internationales Judentum“ wahrgenommen. (vgl. Moishe Postone 2005, S. 181-182) Dies war aber keine zufällige Wahl, Gründe dafür waren die lange Geschichte des Antisemitismus in Europa, und die Assoziation Juden = Geld.
Warum nun aber der „antikapitalistische“ Angriff der Nazis und anderer Antisemitinnen, gegen die Juden und Jüdinnen gerichtet war, aber eben nicht auch das Industriekapital traf, dass ja ohne Zweifel auch Teil des Kapitalismus ist, kann Postone doch sehr schlüssig erklären. Auch er bedient sich dabei des marxschen Fetisch Begriffs der hier schon näher behandelt wurde. Dabei wird Kapitalismus nicht als Einheit von Produktions- und Zirkulationssphäre gesehen. Kapitalismus ist in der fetischisierten Sichtweise lediglich das Finanz- und Zinstragende Kapital, also die abstrakte Seite des Kapitalismus. Die Industrie jedoch als konkrete Erscheinung des Kapitalismus, wird in dieser Analyse als „natürlicher“ Nachfahre der Zünfte angesehen und ist daher nicht kapitalistisch, deswegen natürlich auch nicht Ziel des „antikapitalistischen“ Angriffes. Doch der Angriff auf das abstrakte, also das Finanz- und Zinstragende Kapital, bleibt nicht beim Angriff auf das abstrakte als Abstraktem stehen, sondern identifiziert das abstrakte mit den Juden und Jüdinnen. (vgl. Moishe Postone, S. 189)
„Der moderne Antisemitismus besteht in der Biologisierung des Kapitalismus – der selbst nur unter der Form des erscheinenden Abstrakten verstanden wird – als internationales Judentum.“ (Moishe Postone)
So ist es dann auch möglich, dass die NSDAP die Unterscheidung zwischen „schaffendem“ deutschen Produktionskapital das nicht kapitalistisch sei und „raffendem“ jüdischen Finanzkapital das eigentlicher Ausdruck des Kapitalismus sei, machen konnte. Die eigentlichen Drahtzieher hinter dem Kapitalismus seien die Juden, die mit Hilfe der Banken und der Börse das Produktionskapital in Würgegriff hätten, und auf Kosten der deutschen Arbeiter (also Unternehmer und Arbeiterinnen) leben würden. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 191)
Die „antikapitalistische“ Revolte der Nazis war daher vor allem eine Revolte gegen die Juden und Jüdinnen. Für die Nazis war die Überwindung des Kapitalismus gleichgesetzt mit der Vernichtung der Juden.
Und so ist Gerhard Scheit zuzustimmen wenn er in „die Dramaturgie des Antisemitismus“ schreibt: Der Nationalsozialismus war die größte antikapitalistische Bewegung, die jemals zur Rettung des Kapitals mobilisiert worden ist; der von ihr geschaffene Staat stellt die Vollendung des Antisemitismus dar: fetischistische Aufhebung des Kapitals auf der Grundlage des Kapitals. (Gerhard Scheit 1996, S. 356)
Sie wissen es nicht, aber sie tun es. (Karl Marx) Antisemitismus in der Linken
Der Irrglaube das mensch als Linke/r nicht Antisemitisch sein könne, ist weit verbreitet und obwohl schon ein kurzer Blick in die Geschichte der Linken das Gegenteil beweist, hält er sich dennoch hartnäckig. Von den Frühsozialisten bis zu den deutschen Sozialisten war die Linke wohl fast durchgängig bis zu Marxens Kapital Antisemitisch. Und selbst in den Frühwerken von Marx waren des Öfteren antisemitische Stereotypen zu finden. Prominenteste Schrift dabei ist wahrscheinlich „zur Judenfrage“, in der er zwar gegen den Antisemiten Bauer´s anschreibt und die Emanzipation der Juden fordert, dies aber mit einer Reihe von Antisemitischen Stereotypen macht. Doch spätestens mit dem Kapital von Marx, in dem er den Kapitalismus als abstraktes Herrschaftssystem, geleitet vom automatischen Subjekt dem Wert, analysiert und die Ausbeutung der Ware Arbeitskraft in der Produktion ausmacht, wird jede Möglichkeit einer Strukturell antisemitischen Analyse verunmöglicht.
Anderes aber bei den Frühsozialisten oder den deutschen Sozialisten um Lassalle, diese blieben in einer fetischisierten Analyse befangen, und ihre Kritik am Kapitalismus war eigentlich keine, weil sie nur gegen die Zirkulationssphäre gerichtet war, die sie als Ort der Ausbeutung auszumachen glaubten. Die Produktionssphäre dagegen galt ihnen als „natürlich“ als nicht kapitalistisch, und die Arbeit wurde als überhistorisch, als mit der Menschheitsgeschichte untrennbare Konstante gedacht.
Zu den Prominentesten Vertretern dieser frühen Linken zählt wohl der Anarchist, Frauenhasser und Antisemit Proudhon. Kapitalismuskritik ist für ihn Geldkritik, im Geld sieht er die Quelle der Ungleichheit und der Ungerechtigkeit. Da er sich die Bewegung G-G´, also das aus Geld mehr Geld wird nur als ein Betrug vorstellen kann (als Betrug am Äquivalententausches), und eben nicht wie Marx zur Erkenntnis gelangt, dass durch die Ausbeutung der Ware Arbeitskraft in der Produktion diese Bewegung schon vorgegeben ist, beschränkt sich seine Kritik auch bloß auf den Zins- und Geldverleih. (vgl. Nadja Rakowitz) Also eben wieder nur auf die „abstrakte“ Seite des Kapitals. Zumindest von ihm wurde die Zirkulation des Öfteren mit Juden identifiziert.
Struktureller Antisemitismus in Lenins Analyse
Eins Vorweg, mensch kann wohl mit gutem Gewissen behaupten, dass es sich bei Lenin keinesfalls um einen Antisemiten gehandelt hat. Ganz im Gegenteil, hat sich doch Lenin immer wieder öffentlich gegen Antisemitismus ausgesprochen. Und so brachte die Sowjetunion für Juden und Jüdinnen eine Sicherheit die sie unter dem Zaren nicht kannten. Auch die Aktivitäten die Lenin gegen den Bund (sozialistische-zionistinnen) entfaltete, sollte mensch im Zusammenhang mit seiner antinationalistischen Grundhaltung sehen. Das alles soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dann später in der Sowjetunion zu antisemitischen Kampagnen kam, wie zb Auflösung des antifaschistisch-jüdischen Komitees, das so genannte „Ärztekomplott“ und die Kampagne gegen Zionistinnen und Kosmopolitinnen. Aber mit Lenin hat das alles nichts zu tun.
Was Lenin aber angelastet werden kann, ist, dass er eine Analyse des Kapitalismus hervorbrachte, die strukturelle Ähnlichkeiten mit Analysen von Antisemitinnen hat. Doch nicht nur in leninistischen Kp´s K-Gruppen und Antiimp Gruppen hat sich seine Analyse durchgesetzt sondern auch in vielen anarchistischen und/oder Antiglobalisierungs- Gruppen, die Lenin sonst explizit ablehnen. Anders als Marx charakterisierte Lenin den Kapitalismus eben nicht als abstraktes Herrschaftssystem, sondern behauptete durch die Monopolbildung und damit durch den Übergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus würde eine immer kleinere Gruppe von Kapitalistinnen die Wirtschaft lenken. Lenin sah das „blinde Wüten des Wertgesetzes“ partiell aufgehoben. Natürlich geht Lenin nicht so weit und behauptet diese Kapitalistinnen die die Wirtschaft lenkten seien Juden und Jüdinnen, doch hat diese Analyse mit antisemitischen Analysen Gemein (daher eben nicht zwingend sondern strukturell antisemitisch), dass Personen den Verlauf des Kapitalismus beherrschen, und nicht wie bei Marx abstrakte Zwangsmechanismen (eben das Wertgesetz), denen jeder sowohl Kapitalistin als auch Arbeiterin unterworfen ist.
Auch der Begriff des Finanzkapitals ist mehr als problematisch, aber nicht nur weil auch Neonazis die Parole „Nieder mit dem Finanzkapital“ skandieren. Sondern weil zum einen laut Marx Produktions- und Finanzkapital eine Einheit bilden, und es daher nicht einzusehen ist, diesen Begriff gesondert zu benutzen. Und zweitens die Kritik am Finanzkapital oft ist sie sei „unproduktiv“. Die Ausbeutung wird dann in der Zirkulationssphäre ausgemacht und nicht wie bei Marx in der Produktionssphäre. Das steigert sich dann bis zur Behauptung das Finanzkapital würde „unproduktiv“ Geld zu Geld machen. Das diese Analyse auch von Antisemitinnen Geteilt wird, und bei der NSDAP unter dem Widerspruch schaffendes vs. Raffendes Kapital bekannt war, sollte Anlass genug sein diesen Positionen eine abfuhr zu erteilen.
Personalisierung
Karl Marx schrieb im Vorwort des Kapitals, dass er die Gestalt von Kapitalist und Grundeigentümer keineswegs in rosigem Licht zeichne. Es handle sich aber um Personen nur insofern sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind und so könne er daher auch nicht den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.
Diese doch sehr klare Aussage von Marx die eigentlich jede Personalisierung des Kapitalverhältnisses ausschließt, fand in der Linken, selbst in den Teilen die sich explizit auf Marx beriefen, eher wenig Beachtung. Nicht die Rationalität des Kapitalismus, der die Kapitalistinnen, wollen sie es bleiben, dazu zwingt fortwährend Gewinn zu machen, stand und steht in der Kritik, sondern die unmoralische übermäßige Gewinnsucht oder das nicht für das Gemeinwohl Wirtschaften der Kapitalistinnen. Das Kapitalistinnen, auch wenn sie ohne Zweifel zu den Profiteuren des kapitalistischen Systems zählen, nur ein Teil einer anonymen Maschine sind, die keinen Maschinenmeister kennt, und nur dem Wertgesetzt folgt, wurde nicht gesehen. Die logische Folge war dann, dass nicht das System Kapitalismus, das sowohl von Arbeiterinnen und Kapitalistinnen tag täglich produziert und reproduziert wird, in der Kritik stand, sondern die Kapitalistinnen die für alle Missstände alleine verantwortlich gemacht wurden. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 186)
In den allerseltensten Fällen aber werden die Kapitalistinnen in ihrer Gesamtheit für die Übel der Welt oder der Nation verantwortlich gemacht. So kann mensch von „linken“ Parteien (SPÖ, Grüne) im österreichischen Nationalrat immer wieder Forderungen hören, kleine- und mittlere Betriebe sollen mehr unterstützt werden. Als „Feind“ werden dann nur Großunternehmen, Multinationale Konzerne gesehen. Es wird zwischen gutem Kapitalismus der kleinen Unternehmerinnen und bösem Raubtierkapitalismus der großen Unternehmerinnen unterschieden, letztere seien aber eigentlich die, die Hinter der ganzen Neoliberalen miesere stünden. Es wird Angenommen, dass sich Großunternehmerinnen aufgrund ihrer Größe, über das Wertgesetzt und die Implikationen der Zwangskonkurrenz hinwegsetzten, oder die Wirtschaft sogar bewusst steuern können. Natürlich sieht der Handlungsspielraum eines Kleinunternehmens anders aus als das eines Großunternehmens, doch können sich auch Großunternehmen nicht den ökonomischen Zwangsgesetzten entziehen. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 187-188)
Ein anderes Beispiel wäre die Kritik an Banken oder gar Spekulanten, die durch Kredite oder Aktien, die geheimen Lenker der Wirtschaft seien. Die produktiven-industriellen Betriebe werden den Heuschrecken Betrieben, dem „Finanzkapital“ gegenüber gestellt. (vgl. Michael Heinrich 2005, S. 188)
Diese „Analysen“ des kapitalistischen Systems, die sich entweder nur gegen die „abstrakte“ Zirkulationssphäre richtet und daher nur Geld und Zins Kritisiert. Oder die Denkweise Kapitalistinnen würden hinter den Kulissen Pläne Schmieden wie die Welt zu laufen habe, sind in der heutigen Linken sehr weit verbreitet. Die Anti-Bonzen Parolen sind da nur eines von vielen Beispielen. Schlimm genug, dass die kapitalistische Gesellschaft auf dem Level der bürgerlichen Moral kritisiert wird, und daher auch gar kein radikaler Bruch mit dieser Gesellschaft möglich ist. Doch ist diese Art der fetischisierten und personalisierten „Analyse“ auch immer ein offenes Einfallstor, für antisemitisches Gedankengut.



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